Montag, 4. September 2017

Superfood gegen Unterernährung und Hunger - Thriving Green


In Afrika leiden tausende Menschen unter Hunger aufgrund von Trockenheit und Dürre. Doch Daniel Kotter und das Team von "Thriving Green" haben den Kampf gegen die chronische Mangel- und Unterernährung aufgenommen. Im Nordwesten des Landes züchten sie gemeinsam mit Einheimischen das Super-Food SPIRULINA, welches als Alge auch unter widrigsten Bedingungen gedeiht.




Lieber Daniel, Du bist Mitbegründer des Projekts „Thriving Green“, bei dem es darum geht Mangelernährung durch Spirulinazucht nachhaltig zu bekämpfen. Was verbirgt sich hinter diesem Namen?  
Thriving steht für “gedeihen”, “prosperieren”. Mit Thriving Green meinen wir das schnell gedeihende grüne Superfood Spirulina. Dadurch sollen sich Chancen für die von Mangelernährung geplagten Einheimischen Nordkenias eröffnen: Einerseits ein Zugewinn an gesunder, ertragreicher, sättigender und leckerer Nahrung. 

Andererseits Jobperspektiven als Spirulinabauer um die von hoher Armut geplagte Region wirtschaftlich entwickeln zu können. Somit soll durch das Gedeihen von Spirulina soz. auch der Mensch gedeihen können bzw. die Gesellschaft prosperieren können. Diesen Gedanken haben wir auch in unserem Logo verankert. Das Ziel von Thriving Green ist es also, hungergeplagten Menschen Zugang zu einem neuen Lebensmittel zu geben, das sie satt und gesund macht und zudem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt ermöglicht.
 



Wie ist dieses Projekt entstanden? Wie kamst Du zu „Thriving Green“?

Alexander Zacharuk, Biologiestudent, sehr guter Freund und ebenfalls Projektleiter von Thriving Green, kam am 3.6.2016 auf die Idee als er eine Phoenix Dokumentation über den Turkana-See sah. In der Doku wurde berichtet, dass es in dieser klimageplagten, heißen und trockenen Region keine Chance auf konventionelle Landwirtschaft gibt. Er als Biostudent war sich natürlich sicher, dass es auch in dieser Region etwas geben muss, das dort sehr gut wächst und trotzdem sehr gesund ist. So kam er auf Spirulina. Als er mir die Idee präsentierte, war ich sofort begeistert und wir starteten das Projekt.
 

Wie setzt sich Eurer Team zusammen?

Wir sind aktuell 11 Studenten aus den unterschiedlichsten Studienrichtungen. Biologie, Mikrosystemtechnik, Ingenieurbereich, Europastudien, BWL und Jura. Seit April sind auch Alfred und Joseph aus Kenia im Team, die das Projekt vor Ort vorantreiben.

Wie stellten sich die ersten Schritte des Projekts dar? Ich stelle mir das ziemlich schwer vor, also der Schritt von der Idee, bis zu dem Zeitpunkt in dem man etwas Greifbares aufweisen kann.

Ja, es war und ist eine enorme Herausforderung. Jedoch motivierten uns die bisherigen Ergebnisse und Erfolge und v.a. der persönliche Kontakt zu den Einheimischen, die uns sagten, sie wollten selber Spirulinabauer werden, immens. Wir geben alles, um das Projekt weiterhin erfolgreich umzusetzen und damit möglichst vielen Menschen zu helfen.

Hattet Ihr Unterstützung?

Ja, in erster Linie hat uns enactus Regensburg e.V. die Plattform gegeben, um unser Projekt zu starten. Ein Verein voller Gleichgesinnter, die gesellschaftliche Probleme durch soziale Projekte nachhaltig lösen wollen. Wir konnten hier Unterstützung durch die Vereinsmitglieder, erfahrene Berater, erfolgreiche Sozialunternehmer und dem riesigen Netzwerk von enactus worldwide (derzeit größte Studentenorganisation mit insg. ca. 70.000 weltweit studentischen aktiven Mitgliedern) erfahren. Zudem unterstützen uns die Lehrstühle Mikrobiologie und Technologie-und Innovationsmanagement der Uni Regensburg. Darüber hinaus hat uns das startup-center der OTH Regensburg sehr viel Unterstützung geboten. Ebenso wichtig waren die Judges und Advisor der Wettbewerbe, bei denen wir mitmachten und lernten. 

Entscheidend sind sicherlich die Partnerschaften mit Alfred Seyee und Pater Avelino Bassols vor Ort in Kenia. Alfred ist kenianischer Spirulinaforscher und –unternehmer. Er wohnt in Nairobi, half uns bei der Beschaffung der richtigen Startkultur und beim Aufbau der ersten Becken. Pater Avelino ist der Leiter der katholischen Mission in Nariokotome. Er half uns immens, indem er uns einen Zugang zur Region, zu den Menschen vor Ort, eine Unterkunft gab und ein Grundstück zur Verfügung stellte. Als weitere entscheidende “Säule” im Sinne von Unterstützung waren ebenfalls sehr entscheidend unsere Spender und finanziellen Unterstützer tätig. Ohne sie wäre das Projekt so nicht möglich gewesen. Wir sind all unseren Unterstützern, auch denen, die hier nicht erwähnt wurden, immens dankbar.

Spirulina ist bei uns hauptsächlich als Nahrungsergänzungsmittel und sog. Superfood bekannt. Was zeichnet Spirulina aus und ist es wirklich geeignet Hunger oder Mangelernährung zu bekämpfen?

Richtig! In Europa und in den USA kennt man Spirulina als Nahrungsergänzungsmittel, da bereits kleine Mengen erhebliche gesundheitsfördernde Effekte haben können. Spirulina hat auf 100g ganze 65g Protein mit vollständigem Aminosäureprofil, gesunde Fette, wenig Kohlenhydrate, viele Vitamine (v.a. B-Vitamine) und Mineralstoffe, zudem Antioxidantien. Insgesamt kommen 100g Spirulina auf ca. 300 Kcal, d.h. es bringt jede Menge Energie, sättigt und dient als hervorragender Nährstofflieferant. Ein absolutes Superfood eben! 

Das interessante an Spirulina ist zudem, dass es perfekt bei ca. 37°C in salzigen und basischen Wasserbecken gedeiht und zwar sehr schnell und sehr ertragreich. Genau diese an sich sehr extremen und lebendsfeindlichen Bedingungen machen vielen Menschen auf der Welt sehr zu schaffen, z.b. der Region Turkana in Nordkenia. Wegen der Hitze und dem versalzenen und viel zu basischen See ist konventionelle Landwirtschaft nicht möglich. Die Folge: Die Menschen hungern, bekommen im Schnitt nicht mehr als 1.000 Kcal am Tag, jedes 4. Kind stirbt bevor es 5 Jahre alt wird und die Menschen können sich als Gesellschaft deshalb nicht entwickeln. 

Hier soll Spirulina die Lösung sein. Ein einfach zu züchtendes Lebensmittel, das sehr gesund ist und vor Ort von den Einheimischen angebaut werden kann. D.h. einheimische Spirulinabauern können lernen, wie sie selber Spirulina züchten und damit ihre Familie und ihr Dorf ernähren. Wir sind davon überzeugt, dass Algenzucht für zwischen drei bis zehn Millionen Menschen auf der Welt eine praktikable und attraktive Lösung sein kann. Besonders für Ostafrika und Teile Asiens und Südamerikas. Generell überall da, wo die Temperaturen sehr heiß, ein basisches und versalzenes Wasser vorliegt, Hunger ein enormes Problem ist und die Menschen gerne Spirulina essen und anbauen wollen.




Wie sieht ein Spirulinagericht aus?

Spirulina kann man als Pulver zubereiten und dann in Suppen oder Eintöpfe mischen. Oder z.b. in Nordkenia auch zu Ugali (traditionelles Gericht in Turkana, Maismehl mit Wasser aufgekocht) zugeben. Eine andere Variante ist es, Spirulina frisch als Beilage zu essen. So hat es eine Konsistenz wie Spinat und kann wunderbar zu Fisch oder Fleisch gegessen werden. In Deutschland haben wir Spirulina in Smoothies getrunken, als Backzutat, in einem Spirulinakuchen, als Saucenzusatz, oder einfach in Wasser eingerührt. Grundsätzlich eignet sich das Pulver in kleineren Mengen sehr gut als Geschmacksverstärker bzw. als Nahrungsergänzung, während frisches Spirulina eine wunderbare Beilage abgibt.

 

Was ist Eure Vision, also welches langfristige Ziel erhofft Ihr Euch mit dem Projekt?

Unsere Vision ist es, mit Algenzucht Mangelernährung zu bekämpfen. Wir wollen möglichst alle Regionen auf der Welt, in denen akute Mangelernährung herrscht und Spirulina attraktiv und sinnvoll angebaut werden kann, den Menschen vor Ort Zugang zu diesem Superfood geben. Langfristig arbeiten wir darauf hin, ein weltweit tätiges Social Business zu werden, das vielen Menschen durch Algenzucht hilft, ein vernünftigs und gesundes Leben führen zu können.

Was sind die Hindernisse, die noch aus dem Weg geräumt werden müssen?

Wir sind noch sehr am Anfang und müssen nun zuerst beweisen, dass Spirulinazucht in Nordkenia ein sinnvolles und auf einem größeren Level ein wirtschaftliches tragfähiges Konzept ist. Hierfür müssen wir sicherstellen, dass wir den Menschen perfekt beibringen können, wie man Spirulina kultiviert, zubereitet und anbietet. Wirklich funktionierende Routinen und Systeme aufbauen und Anklang bei noch viel mehr Nordkenianern finden. 

Spirulina muss den Großteil der Menschen vor Ort überzeugen als geiles Lebensmittel, auf das sie Bock haben und das sie sich leisten können. Wo sie sogar selber gerne als Spirulinabauer aktiv werden wollen. Wenn wir das schaffen und zwar wirklich auf einem größeren Level und es über eine gewisse Zeit funktioniert und sich etabliert, dann können wir das Projekt in weitere hilfsbedürftige Regionen tragen. 

Hierbei gibt es viele Schwierigkeiten, die uns extern aufgetragen werden: eine miserable Infrastruktur (nur 30kmh auf der “Autobahn”, kein Netz, kein/kaum Internet), geringe Bildung, durch Mangelernährung verminderte kognitive Leistungsfähigkeit, kulturelle Eigenschaften, Lebensmittelunsicherheit, politische Unsicherheiten, Probleme im Zahlungsverkehr, Kriminalität, Misstrauen uvm. Wir konnte jedoch bisher bereits ein erstes erfolgreiches Pilotprojekt mit drei Zuchtbecken abschließen und arbeiten aktuell daran, die Anlagen zu optimieren und auszubauen. Von daher sind wir trotzallem optimistisch und sehr motiviert.

Könnte Euer Projekt eine ernsthafte Waffe gegen den weltweiten Hunger in den Entwicklungsländern werden oder funktioniert das Projekt nur in bestimmten Regionen?

Algenzucht kann unserer Einschätzung nach ein attraktives Thema für zwischen drei bis zehn Millionen Menschen weltweit sein. Besonders für Ostafrika und Teile Asiens und Südamerikas. Generell überall da, wo die Temperaturen sehr heiß, ein basisches und versalzenes Wasser vorliegt, Hunger ein enormes Problem ist und die Menschen gerne Spirulina essen und anbauen wollen.
 





Wie kann man Euch unterstützen?

Wir sind aktuell personell sehr gut aufgestellt und bräuchten v.a. finanzielle Unterstützung. Soweit können wir die ersten Farmen betreiben und vor Ort es den Menschen ermöglichen, Spirulina zu züchten und zu essen, jedoch mangelt es uns hinsichtlich einer Expansion an finanziellen Mitteln. 

Welche Projekte und Vorhaben liegen vor Dir? Könntest Du Dir vorstellen, auch hauptberuflich in Richtung Projektarbeit zu gehen?

Ich möchte mich auf Thriving Green fokussieren, da ich absolut davon überzeugt bin und ich es als unendlich sinnvoll erachte. Am liebsten würde ich Thriving Green über viele weitere Jahre machen und zu einem erfolgreichen Social Business aufbauen.
 

Und die obligatorische Frage zum Schluss: Was ist für Dich der True Spirit?

Der True Spirit ist für mich die faktische Umsetzung von großartigen und inspirierenden, aber schwierigen Visionen.



Weitere Informationen findet Ihr unter: http://www.thriving-green.com/helfen

Montag, 14. August 2017

Eine Stimme für diejenigen, die keine haben – Sebastian Margenfeld


Sebastian Margenfeld hat den Förderverein Animal Hope & Wellness e.V. in Deutschland gegründet und rettet misshandelte und gequälte Hunde aus dem asiatischen Hundefleischhandel. Vor einem Monat war er zum dritten Mal in China und konnte sieben Hunde aus den Fängen der Hundefleischhändler retten. Über seinen Verein, seine Arbeit und seine Reisen nach China haben wir mit ihm gesprochen. 



Lieber Basti, du hast den Förderverein Animal Hope & Wellness e.V. in Deutschland gegründet. Kannst du die Organisation kurz vorstellen?
Unser gemeinnütziger Förderverein unterstützt die amerikanische Animal Hope and Wellness Foundation von Deutschland aus. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Abgründe des asiatischen Hundefleischhandels in Deutschland publik zu machen.
Gleichzeitig versuchen wir Spenden zu sammeln, damit möglichst vielen Hunden dieses grausame Schicksal erspart bleibt. Diejenigen, die den Horror überlebt haben, werden tierärztlich versorgt und dann nach Los Angeles oder zu uns nach Deutschland geflogen, von wo aus sie dann an liebevolle „Furever Homes“ vermittelt werden.


Wie kam es dazu, dass du dich entschlossen hast, den Verein in Deutschland zu gründen?
Alles fing mit einem YouTube-Video von Marc Ching , dem Gründer der amerikanischen Animal Hope and Wellness Foundation, im August 2016 an. In dem Video erzählt und berichtet er von der unfassbaren Grausamkeit des asiatischen Hundefleischhandels, also den Hund zu foltern, bevor man ihn schlachtet, auf Grund der allgemeinen Überzeugung, dass dadurch das Fleisch gesünder und zarter wird. Ich wusste damals schon, dass in vielen Teilen Asiens Hunde gegessen werden, mir war nur nicht das Ausmaß der Brutalität und dieser Irrglaube bekannt. Mir war relativ schnell klar, dass ich dieser Organisation - und vor allem den Hunden in Asien - helfen muss.
So entstand die Idee einen Förderverein zu gründen, um einerseits die Menschen in Deutschland aufklären und andererseits Spenden zu sammeln.





Wieviel Zeit investierst du in das Projekt. Wie klappt das neben dem Beruf?
Mittlerweile ist es für nicht mehr nur ein Projekt, sondern meine Lebensaufgabe. Ich stehe mit dem Schicksal dieser Hunde morgens auf und gehe abends damit ins Bett. Es gibt nicht einen Tag, an dem ich nicht an sie denken muss. Viele können das nicht verstehen. Auch nicht im engeren Freundes- und Familienkreis. Sie fragen sich wahrscheinlich heute noch, was mit mir auf einmal passiert ist. Das liegt vor allem daran, dass ich Dinge gesehen habe, die bisher - außer Marc Ching - vermutlich keiner gesehen hat. Ich habe für meinen Verein ein Aufklärungsvideo produziert und dafür Undercovervideomaterial von Marc Ching angefordert und auch erhalten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damals unter Tränen zusammengebrochen bin, als ich es das erste Mal angeschaut habe. Ein zweites und drittes Mal fiel ich in ein tiefes Loch, als ich die Sequenzen für mein Video herausgeschnitten habe. Ich sage immer, man muss es wirklich selbst sehen, um es zu glauben, und wenn du es gesehen hast, wirst du es nie wieder vergessen.
Seit dem ersten Zusammenbruch hat sich mein Leben verändert.




 Basti, du warst dieses Jahr ja bereits auch schon zweimal direkt vor Ort. Was hast du in China erlebt? Kannst du uns von den Umständen dort berichten?
Mittlerweile war ich sogar schon zum 3. Mal dort. Mein erster und zweiter Trip waren jeweils zu einer Auffangstation in Changsha, wo die geretteten Hunde versorgt werden bis sie in die USA oder auch zu uns nach Deutschland geflogen werden. Meine Hauptaufgaben waren vor allem füttern, sauber machen, Gassi gehen und den Hunden Liebe und Aufmerksamkeit schenken.
Mein 3. Trip im Juni diesen Jahres war dann komplett anders. Ich war, zusammen mit Andreas von ProWal, in der südchinesischen Stadt Yulin, in der das alljährliche Hundefleischfestival stattfindet. Ein Fest bei dem die Sommerwende gefeiert wird und schätzungsweise 10000 Hunde brutal getötet werden. Wir waren in verschiedenen Städten, auf verschiedenen Märkten und auch in Schlachthäusern, um zu dokumentieren. Gerade auf den Lebendmärkten (man kann dort alle Arten von Tieren lebendig kaufen und direkt vor Ort schlachten lassen oder es zu Hause selber machen.) habe ich mich wie in einer anderen Zeitepoche gefühlt. Am ehesten kann man es mit Märkten aus Mittelalterfilmen vergleichen. Eine andere Welt, die man mit Worten nur schwer beschreiben kann.
In einem Schlachthaus haben wir dann auch 7 Hunde gerettet, kurz bevor man sielebendig totgeprügelt hätte. Mein Fahrer und ich fuhren dann mit ihnen 14 Stunden zur Auffangstation, die von Suki Su von Animal Hope and Wellness China, geleitet wird und die ich bei meinen ersten 2 Trips besucht hatte. Alle 7 wurden dann bei der Ankunft direkt medizinisch versorgt und untergebracht. Im September werden wir sie nach Deutschland holen. Am Folgetag kamen dann Suki und Marc mit einem LKW voller Hunde in der Auffangstation an. Ich half dann beim Entladen und die restlichen Tage meines Trips bei der medizinischen Versorgung der Hunde.


Wie kann man eure Organisation unterstützen?
Man kann unsere Beiträge auf Facebook teilen und liken oder der Familie und Freunden von dem Schicksal dieser Hunde erzählen und so zu einer Stimme für sie werden.
Natürlich benötigen wir als gemeinnütziger Verein auch Spendengelder. Unabhängige Tierschutzarbeit braucht unabhängiges Geld. Man kann gerne zum "Furever Home" für eine gerettete Fellnase werden und einen Hund adoptieren.
Zudem sind wir auch immer auf der Suche nach Pflegestellen (Raum 79238 Ehrenkirchen), die einen Hund solange bei sich aufnehmen, bis wir die passende Endstelle gefunden haben.

Wie werden die Gelder, die für die Organisation gespendet werden, konkret eingesetzt?
Zum einen, um die Hunde nach Deutschland zu holen. Sprich Dokumente zur Einfuhr sowie das Flugticket. Sind die Hunde dann in Deutschland, geht es direkt zum Tierarzt, was der zweite Bedarf ist (Entwurmung, Haut- und Fellbehandlung, Blut- und Stuhluntersuchung, Impfungen, Kastration, EU-Ausweis).






Wie läuft die Vermittlung ab, wenn man einen Hund aus China aufnehmen möchte?
Man füllt auf unserer Homepage die Vermittlungsanfrage aus, und anschließend setzen wir uns mit derjenigen/demjenigen in Verbindung und besprechen alles Weitere.

Du hast ja auch selbst drei Hunde aus Hilfsorganisationen aufgenommen. Einer davon wurde von Marc Ching gerettet, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Wie geht es den dreien heute?
Genau, meine Frau und ich haben zwei Hündinnen aus Spanien und seit Februar diesen Jahres eine Hündin aus China. Die Spanierinnen Kira und Honey sind aus einer Tötungsstation in der Nähe von Barcelona, und Suki wurde während des Yulin-Festivals 2016 von Marc Ching aus einem Schlachthaus gerettet. Ich habe Suki dann während meines ersten Chinatrips im Februar 2017 mit nach Deutschland genommen. Allen dreien geht es sehr gut. Suki ist noch immer unglaublich ängstlich. Ich vermute, dass sie in dem Handel aufgewachsen ist und ihre ersten 1,5 Lebensjahre ausschließlich von Gewalt geprägt waren. Meine Frau und ich fragen uns oft, wenn sie auf verschiedene Alltagssituationen mit purer Angst reagiert, was man dieser armen unschuldigen Fellnase nur angetan hat. Aber es wird täglich besser und wenn sie mich mittags mit ihrem Schwanzwedeln begrüßt, könnte ich vor Glück weinen.






Was ist für dich der „True Spirit“?
Für mich geht es vor allem Gerechtigkeit.
Denen eine Stimme zu geben, die auf dieser Welt keine haben. Während ich mich für Hunde in Asien einsetze, heiße ich andere Dinge, die z.B. hier in der Massentierhaltung passieren, genauso wenig gut. Im Gegenteil. Ich hoffe, dass wir Menschen eines Tages die Brücke schlagen und in einer Kuh oder in einem Schwein unseren Hund, unser Kind sehen. Kein Tier sollte für den menschlichen Konsum ausgebeutet, missbraucht oder getötet werden.
 

Weil jedes und alles Leben zählt – dafür kämpfe ich. Für die Tiere und für das Leben.


Donnerstag, 15. Juni 2017

Effektiver Altruismus Bayreuth - Darius Meißner


Bereits seit langem ist dem Philosophy & Economics -Student Darius Meißner klar, dass er dazu beitragen möchte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Seit er auf den Effektiven Altruismus gestoßen ist, hat er auch eine konkrete Vorstellung davon, wie er dieses Ziel tatsächlich erreichen kann. Darius Meißner leitet aktuell die Hochschulgruppe Effektiver Altruismus Bayreuth und hat wie viele andere auch ein Spendenversprechen abgelegt und öffentlich erklärt mindestens 10% seines zukünftigen Einkommens an effektive Hilfsorganisationen zu spenden. 
 



Kannst Du mit wenigen Worten zusammenfassen was man sich unter dem Stichwort „Effektiver Altruismus (EA)“ vorstellen kann?
Es gibt viele schlimme Probleme auf der Welt (z.B. globale Armut, Massentierhaltung, Klimawandel) und wir können mit unseren begrenzten Ressourcen – insbesondere Zeit, Geld und unseren Fähigkeiten – leider nicht alle auf einmal lösen. Wir sind also dazu gezwungen zu priorisieren und eine Entscheidung zu treffen, welche Probleme wir als erstes angehen wollen. 

Hier setzt der Effektive Altruismus (EA) an: Dabei handelt es sich um eine Philosophie und globale Bewegung, die Herz und Verstand miteinander verbindet: Es geht um Mitgefühl, das sich von Daten, Argumenten und Vernunft leiten lässt. Der EA nutzt wissenschaftliche Erkenntnisse und kritisches Denken, um die Welt so effektiv wie möglich für alle lebenswerter zu gestalten. Konkret beschäftigt sich der EA insbesondere mit unseren Spenden-, Konsum-, und Karriereentscheidungen, die wir als Hebel einsetzen können, um global vielen anderen zu helfen.

Wodurch zeichnet sich der EA aus?
Als effektive Altruistinnen und Altruisten teilen wir das Ziel nicht ‚bloß‘ einen Unterschied machen zu wollen, sondern den größtmöglichen Unterschied für andere empfindungsfähige Individuen. Wären wir selbst unter den Betroffenen von extremer Armut, von Massentierhaltung oder globalen Katastrophenrisiken in der Zukunft, würden wir uns auch wünschen, dass andere ihre privilegierte Position nutzen, um möglichst vielen Individuen zu helfen. Leid wird nicht weniger schlimm, wenn es sich geographisch woanders abspielt oder in der Zukunft liegt. 

Wodurch zeichnet sich die „Effektivität“ aus?
Wir wollen unseren Altruismus effektiv gestalten: 
Gerade wenn es um Fragen von Leben oder Tod geht, sollten wir Entscheidungen nicht einfach nach unserem Bauchgefühl oder gar zufällig treffen, sondern möglichst strategisch und rational vorgehen. In der Praxis vergleicht der Effektive Altruismus viele Probleme, Projekte und Hilfsmaßnahmen, um festzustellen, wo wir durch Einsatz unserer begrenzten Ressourcen am effektivsten unnötiges Leid verhindern bzw. Leben retten können. 

Beispielsweise analysiert die Organisation GiveWell die Kosteneffektivität von Hilfsorganisationen und empfiehlt die besten davon. GiveWell schätzt, dass die kosteneffektivsten Organisationen mehr als einhundert Mal mehr Menschenleben mit einer Spende retten, als der Durchschnitt der anderen Organisationen. Mit dem gleichen Geld lässt sich zudem in den ärmsten Ländern der Welt viel mehr bewirken, als in reichen Ländern wie Deutschland. Die aktuelle Top-Spendenempfehlung GiveWells, die Against Malaria Foundation verteilt insektizid-behandelte Bettnetze zur Malariaprävention und rettet geschätzt für wenige tausend Euro statistisch ein Menschenleben.

Was unterscheidet den EA vom herkömmlichen „RTL-Spendenaufruf“?
Herkömmliche Spendenaufrufe appellieren häufig allein an unsere Emotionen.Sie können aber selten Nachweise dafür erbringen, dass die geförderten Projekte wirklich wirksam sind. Außerdem wird dabei oftmals nicht für die wichtigsten globalen Probleme gesammelt und es wird vergleichsweise privilegierten Gruppen in relativ wohlhabenden Ländern geholfen (z.B. Schulkindern in Deutschland). 

Schließlich sind viele der Aufrufe der kurzfristigen Lösung einer in den Medien stark repräsentierten Thematik gewidmet, wie beispielsweise einem Erdbeben oder einem Tsunami. Stark vernachlässigt werden dabei leider permanente Katastrophen, wie die extreme Armut – jeden einzelnen Tag sterben weltweit noch immer 16.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen leicht vermeidbarer Krankheiten.

Der Effektive Altruismus empfiehlt hingegen nur Projekte, die belegen können, dass sie effektiv Leid verhindern oder im Erwartungswert außergewöhnlich viel Gutes bewirken.  Diese Projekte sind in den Medien meist unterrepräsentiert und arbeiten an vernachlässigten Problemen, was sie zu den besseren Spendenzielen macht. 
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In diesem Video fasst mein Kommilitone Jonathan Michel den Effektiven Altruismus wunderbar zusammen: 

 
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Stellt der EA eine Gegenbewegung zum Zeitgeist des „Ich, alles, jetzt“ dar?
Der Effektive Altruismus grenzt sich in der Tat, durch die starke Sorge um das Wohlergehen anderer, von diesem verbreiteten Egoismus ab. Zugleich fordert der EA keine Selbstaufopferung oder Askese: Altruismus muss auf lange Sicht praktisch lebbar sein und sich mit anderen Lebenszielen vertragen. Tatsächlich bin ich sogar davon überzeugt, dass (effektiv-)altruistisches Engagement einen der besten Wege darstellt, um dem eigenen Leben mehr Sinn zu geben und die eigene Lebenszufriedenheit zu erhöhen. Studien zufolge macht es einen selbst glücklicher Geld für andere Individuen zu spenden und sich für ihr Wohl zu engagieren.

Insbesondere als Einwohner eines Lands wie Deutschland sind wir Teil der reichsten Generation, die jemals auf der Erde gelebt hat! Und das nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch in Bezug auf Chancen, Bildung, Gesundheitsversorgung etc. 

Mit dem durchschnittlichen Einstiegsgehalt eines Hochschulabsolventen in Deutschland gehört man bereits zu dem reichsten 1Prozent der Weltbevölkerung. Die Glücksforschung hat gezeigt, dass Geld und Konsum stark abnehmenden Grenznutzen aufweisen; je mehr Geld man hat, desto weniger bringt einem Zusätzliches. In den ärmsten Ländern hingegen sind viele menschliche Grundbedürfnisse nicht ausreichend gedeckt, was vergleichsweise sehr günstig zu bewerkstelligen ist und die Lebenszufriedenheit der Betroffenen massiv erhöht. 

Sind uns unsere eigenen (häufig) trivialen Konsumbedürfnisse wirklich mehrere hundert Male wichtiger als die essentiellen Lebensinteressen von Menschen in anderen Ländern?

Sind wir Menschen überhaupt altruistisch veranlagt, oder sind wir doch eher "Homo Ökonomikus"?
Beides. Die evolutionäre Umgebung hat Menschen in ihrer Entwicklung auf das Zusammenleben in Gruppen von einigen Dutzend bis wenigen hundert Individuen ausgelegt. Unsere moralischen Intuitionen und sozialen Emotionen wie Wut, Scham, Mitgefühl und Dankbarkeit, haben sich entwickelt, um die Kooperation in diesen Gruppen zu ermöglichen. In dieser Hinsicht sind wir als Menschen daher evolutionär altruistisch veranlagt und keine reinen Einzelkämpfer. 

Die meisten moralischen Probleme der modernen Gesellschaft beruhen allerdings nicht auf Konflikten innerhalb sozialer Gruppen, sondern zwischen verschiedenen Gruppen. Das Zusammenleben in einer globalisierten Weltgesellschaft unterscheidet sich daher fundamental von dem unserer evolutionären Umgebung. 

Wir sind schlicht nicht darauf ausgelegt mit sieben Milliarden Menschen angemessen Empathie empfinden zu können, geschweige denn mit anderen Tieren und zukünftigen Generationen. Der wichtigste altruistische Faktor im menschlichen Verhalten ist unsere Fähigkeit rational zu entscheiden und zu reflektieren. Auch wenn wir nicht mit allen anderen Individuen auf der Welt intuitiv mitfühlen können, sind wir in der Lage uns rational in ihre Position zu versetzen. Wir können verstehen, dass ihre Bedürfnisse und Interessen nicht weniger wichtig sind als unsere eigenen, nur weil sie andere Glaubensvorstellungen vertreten, einem anderen Geschlecht zugehören, eine andere Nationalität haben oder Teil einer anderen Spezies sind. 

Es gibt keine moralische Rechtfertigung dafür das Leid anderer vollständig zu ignorieren und es ist unsere Rationalität, die uns erlaubt globalen Altruismus in unserem Verhalten zu berücksichtigen.

Gehört zum Spenden nicht auch gerade die persönliche emotionale Nähe? Wird der Altruismus durch diese „Effektivität“ nicht auch ein stückweit steril und kalt?
Die Orientierung an der Effektivität des EA entspringt der mitfühlenden Absicht möglichst viel Leid zu verhindern. In dieser Hinsicht ist der Effektive Altruismus „warm berechnend“ und sieht auch keinen grundlegenden Konflikt zwischen Emotionen und Vernunft. 

Ohne eine emotionale Motivation könnte niemand von uns überhaupt altruistisch aktiv sein. Doch Emotionen sind oft willkürlich, häufig fehlgeleitet und bieten daher alleine keine gute Basis für den Altruismus. 

Um unseren altruistischen Zielen gerecht zu werden benötigen wir letztlich rationale, vernünftige Überlegungen, die von dem emotionalen Wunsch angetrieben sind möglichst vielen anderen Individuen umfassend zu helfen. Aus meiner Sicht kann man vielen Formen klassischen sozialen Engagements vorwerfen, dass davon vor allem die Engagierten selbst durch ein gutes Gefühl profitieren. Doch wenn man sie danach fragen würde, was sie eigentlich antreibt, dann ist es gerade der Wunsch anderen zu helfen. 

Der Effektive Altruismus zeigt Möglichkeiten des Engagements auf, die uns erlauben tatsächlich anderen Individuen möglichst umfassend zu helfen – wobei wir uns natürlich auch noch selbst gut fühlen dürfen.
 


Wie bist Du eigentlich zum EA gekommen?
Schon bevor ich das erste Mal durch einen Vortrag der Stiftung für Effektiven Altruismus vom EA hörte, habe ich mich mehrere Jahre mit Themen wie Tierethik, wissenschaftlichem Denken und globalen ökonomischen Ungerechtigkeiten beschäftigt. Bei mir sind die Prinzipien des EA daher auf fruchtbaren Boden gefallen und obwohl mich nicht von Beginn an alles überzeugt hat, habe ich schnell festgestellt, dass die EA Befürworter starke, evidenzbasierte Argumente für ihre Positionen hervorbringen. Und das hat mich letztlich überzeugt.

Wie kann man EA werden? Was sind die ersten Schritte?
Aus meiner Sicht ist es am wichtigsten sich zunächst weiter zu informieren.

  • Hierfür gibt es viele gute Vorträge, Artikel undeinige Bücher, die in die Grundlagen des EA einführen.
  • Das Einfachste ist, einen Teil des verfügbaren Einkommens effektiv zu spenden, etwa an die von GiveWell empfohlenen Organisationen.
  • Wer als Teil der reichsten Menschen auf dem Planeten bereit ist, etwas mehr zu geben und Mitglied einer internationalen Gemeinschaft von „Weltverbesserern“ zu werden, kann das Spendenversprechen von Giving WhatWe Can ablegen. 
  • Wichtig ist auch die Prinzipien des Effektiven Altruismus weiter zu verbreiten, zu verbessern und zu diskutieren. Wer eine Person davon überzeugt, das Spendenversprechen abzulegen, hat schon ebenso viel bewirkt, wie es selbst zu tun.
  • Die eigene Berufswahl gehört zu den wichtigsten ethischen Entscheidungen des ganzen Lebens, da wir alle ca. 80,000 Stunden unseres Lebens mit beruflicher Arbeit verbringen – und einige Organisationendes EA bieten Empfehlungen, wie man mit dieser Entscheidung möglichst viel Gutes tun kann. 
  • Schließlich gibt es in Deutschland und auch international viele Lokalgruppen für Effektiven Altruismus, die sich regelmäßig treffen, um zu „lesen, lernen, hinterfragen, erklären und diskutieren“. Es lohnt sich bei den Treffen vorbeizuschauen!




Was ist für Dich der True Spirit?
Im Angesicht all des Leides in der Welt nicht zu verzweifeln oder gleichgültig zu werden, sondern sein Bestes geben, um etwas daran zu verändern.


Vielen Dank für dieses inspirierende Interview, das wie kein anderes unter dem Motto des "True Spirits" steht!

Weiterführende Links findet Ihr hier:
Deutschsprachige Einführungsseite zum EA: https://effektiveraltruismus.de/
Häufig gestellte Fragen zum EA: https://effektiveraltruismus.de/faq/
Effektiv spenden: https://effektiveraltruismus.de/effektiv-spenden/
Ethische Berufswahl: https://effektiveraltruismus.de/berufswahl/
Spendenversprechen: https://www.givingwhatwecan.org/pledge/