Sonntag, 12. März 2017

Im Ring mit Recep Tayyip Erdoğan - Ünsal Arik


Ünsal Arik ist erfolgreicher Boxer. Doch es ist nicht sein nächster Boxkampf, der den Weltmeister mit Sorge erfüllt, sondern vielmehr die politische Situation in seinem Heimatland, der Türkei. Ünsal macht keinen Hehl daraus, dass er mehr als unzufrieden mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan und dessen Politik ist. Und darüber haben wir mit ihm gesprochen. 



Lieber Ünsal, du wurdest in deiner Heimat Türkei nach einer Aktion gegen Recep Tayyip Erdoğan bekannt. Du hast live im TV geboxt und ein T-Shirt getragen, auf dem auf Türkisch stand: „Das Land gehört Atatürk, nicht Tayyip“. Wieso gefällt dir die Politik Erdoğans nicht?
Erdoğan macht die Türkei kaputt. Er repräsentiert die Türkei schlecht und stellt uns in der Weltpolitik schlecht dar. Die Isolationspolitik, die er betreibt, wird die Türkei sehr schwächen. Auch in die Bildung investiert er nichts, im Gegenteil, Bildung ist das, wovor Erdoğan am meisten Angst hat. Wieso sperrt er alle intelligenten Menschen weg? Weil er Angst vor ihnen hat. Er hat Angst vor jeglicher Kritik. Er wird in der Türkei eine Diktatur aufbauen und dafür sorgen, dass Meinungsfreiheit nicht mehr existiert. Die Konsequenz aus dem Umbau des Systems wird sein, dass er Alleinherrscher wird. Die Vergleiche mit dem amerikanischen System gehen fehl. Während in den USA trotzdem noch die checks and balances greifen, wird es in der Türkei keine Kontrolle mehr geben.
Ich selbst bin in Deutschland geboren. Mein Vater lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Er hat früh erkannt, dass die Politik Erdoğans schlecht für unser Heimatland ist. Früher war ich nicht politisch, aber als mein Vater immer und immer mehr geschimpft hat, wenn er Erdoğan im Fernseher gesehen hat, habe ich begonnen die politische Entwicklung zu hinterfragen und erkannt, dass mein Vater Recht hat.




Einige hatten die Hoffnung, dass er es schaffen wird, Staat und Religion zu vereinen. Warum hat das nicht geklappt?
Weil Staat und Religion sich gegenseitig ausschließen. Wie soll es möglich sein, Religion, die eigentlich für das Gute stehen soll, damit zu vereinen, politische Befehle zum Töten zu geben und das muss man wohl als Regierungschef. Atatürk hat Glaube und Religion strikt getrennt. Atatürk hat erkannt, dass eine Vereinbarung nicht möglich ist. Überhaupt war Atatürk ein sehr bewundernswerter Mann, alleine wenn man bedenkt, dass er mehrere tausend Bücher gelesen hat. Aber alle Errungenschaften Atatürks macht Erdoğan kaputt. Viele Frauen, die jetzt für Erdoğan sind, haben ihre Rechte der Politik und Weitsicht von Atatürk zu verdanken, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist. Er hat das Frauenwahlrecht eingeführt, er hat dafür gesorgt, dass wir in einem freien, toleranten Land leben konnten, das alles wird nun wieder rückgängig gemacht. 
 
  • GBA International German Champion (2011)
  • WBF International Champion (2011)
  • IBF European Champion (2012)
  • IBF International Champion (2013)
  • IBF Intercontinental Champion (2013)
  • WBU Interim Weltmeister (2015)
  • IBF European Champion (2015)
  • WBU World Champion (2016)
  • GBU World Champion (2016)

Aber warum hat er dann so großen Erfolg?
Er ist einfach schlau vorgegangen. Die Menschen, die nichts haben, hat er unterstützt. Niemand denkt aber daran, dass er ein Regime übernommen hat, das schwach war. Viele Projekte hatten schon begonnen, bevor er überhaupt Präsident war. Oft wird er gelobt, weil er Infrastruktur geschaffen hat, aber Hitler hat auch Autobahnen gebaut. Auch den Kurden hat er am Anfang Gott und die Welt versprochen. Jetzt will er sie nicht mehr haben, obwohl er sie selbst in das Parlament geholt hat. Er kratzt an den Wunden, deshalb wird er gewählt.

Wie erklärst du dir, dass Erdoğan gerade auch unter den in Deutschland lebenden Türken sehr erfolgreich ist?
Deutschland hat große Schuld daran, dass Erdoğan so stark ist. Beispielsweise hat Deutschland an die Kurden Waffen geliefert, mit denen sie den Islamischen Staat bekämpft haben. Gleichzeitig bekämpfen die Kurden mit diesen Waffen jetzt aber auch die Türken. Und Erdoğan stellt sich hin und sagt „Seht ihr, die Deutschen unterstützen den Terrorismus.“ Genauso unverständlich ist es, dass Cem Özdemir auf einer kurdischen Wahlkampfveranstaltung auftritt. Was hat ein deutscher Politiker dort zu suchen? Kein Wunder, dass Erdoğan das für sich nutzt.


Was könnte Deutschland dann besser machen?
Zuerst einmal sollte es so sein, dass sich jeder für einen Pass entscheiden muss. Deutschland muss einfach härter durchgreifen. Deutschland ist so ein schönes Land. Natürlich gibt es auch Nazis, aber so wie man in den Wald schreit, so kommt es zurück zu einem. Man spuckt nicht auf die Hand, die einen ernährt. Deutschland ist das gastfreundlichste Land, das ich kenne. Wem es hier nicht passt, der soll zurück in die Türkei. Dann wird jeder am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet Erdoğan zu wählen.


Wie beurteilst du den Putschversuch in der Türkei im letzten Jahr?
Das war Theater, das hätte man für den Oscar nominieren können. Was will man mit fünf Panzern und drei Flugzeugen. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, auf diese Art und Weise einen Putsch zu planen.

Bist du gläubig?
Ich bete, aber ich gehe niemanden auf den Sack dabei. Ich habe auch kein Problem mit meiner Verlobten, die Christin ist, an Weihnachten in die Kirche zu gehen. Ich glaube aber viele Geschichten nicht, die in der Bibel oder im Koran stehen. Man darf nicht alles wörtlich nehmen. Als hätte Moses das Meer mit einem Stock geteilt. Ich würde Gott aber gerne treffen, ich habe keine Angst davor, dass er dann vielleicht Fragen an mich hat, so wie es in den heiligen Schriften heißt, denn ich habe auch viele Fragen an ihn. Ich würde ihn gerne fragen, wieso er diesen ganzen Scheiß mit der Religion usw. auf der Welt überhaupt zulässt.

Es braucht einigen Mut seine politische Meinung in diesen Zeiten frei zu äußern. Hast du manchmal Angst?
Manchmal schon. Ich bin vorsichtig geworden. Nach dem Kampf in der Türkei habe ich viele, viele Drohungen bekommen. Sechs Wochen konnte ich die Türkei nicht verlassen. Als ich nach einem darauffolgenden Deutschlandaufenthalt wieder in die Türkei ging, wurde ich in Izmir festgenommen. Soweit ich weiß existiert kein Haftbefehl in der Türkei gegen mich, aber es ist mir trotzdem zu riskant im Moment. Und die vielen Drohungen und Beleidigungen, die mich in Deutschland erreichen, nehme ich mittlerweile mit Humor. Schwierig wird es nur, wenn mich ein Bekannter beleidigt, das nehme ich dann auch wirklich persönlich.



Manche werfen dir vor, deine Aussagen seien nur Publicity? Was sagst du dazu?
Naja, das was ich sage, macht mir ehrlich gesagt mehr Probleme, als dass ich dadurch Geld verdienen würde. Wenn ich Geld machen wollen würde, müsste ich Erdoğan eher unterstützen. In der Türkei sind viele Sportler, die ihn supporten sehr reich geworden.

Wie bist du eigentlich zum Boxen gekommen?
Ich habe früher als Versicherungsmakler gearbeitet. Irgendwann aber bin ich durch persönliche Probleme abgerutscht, nach Berlin gezogen und war eine Zeit lang sogar obdachlos. Dann habe ich mit dem Boxen angefangen, das hat mir Halt gegeben und ich konnte meine Krise überwinden. Auch wenn das Boxen immer noch mehr Mittel zum Zweck ist. Anfangs war meine Motivation, dass ich durch das Boxen irgendwie gegen das System, insbesondere das Rechtssystem, ankämpfen wollte, auch wenn sich das naiv anhört. Jetzt ist das Boxen mein Beruf und ich versuche damit Geld zu verdienen, auch wenn das in meiner Gewichtsklasse eher schwierig ist. Für viele Kämpfe muss ich selbst zahlen, statt Geld zu bekommen. Auch Sponsoren findet man nicht so einfach und ich brauche einen Sponsor, um überhaupt einen Kampf antreten zu können.

Wie sieht dein Training aus?
Momentan trainiere ich zweimal in der Woche im Fitnessstudio mit einem Fitnesstrainer. Vor Kämpfen bereite ich mich dann nochmal speziell mehrere Wochen in meinem Stall in Berlin vor. Dann achte ich auch streng auf meine Ernährung.



Du bist ja auch Vegetarier. Wie lässt sich das mit dem Sport vereinen?
Ach das geht gut. Zum Beispiel haben Linsen meines Wissens ja sogar mehr Proteine als Fleisch. Ich bin wegen meines Hundes Vegetarier geworden. Von Tieren bekommt man so viel geschenkt. Jeder hat seinen Job auf dieser Welt, sogar die Fliegen fressen Bakterien, die für uns schlecht sind. Ich möchte einfach niemanden etwas zu Leide tun und Tod gibt es nicht ohne Leid.



Was ist für dich der True Spirit?
Zuerst einmal habe ich nie einen Plan, aber immer eine Lösung. Ich liebe Ruhe, mein Leben ist meine Familie, mein Lebensziel ist es ein guter Mensch zu sein und ich bin der Meinung man soll leben und leben lassen. 

Ünsal Arik & Mr.Shen

Lieber Ünsal vielen Dank für das spannenden Interview!
Ünsal Arik könnt Ihr hier folgen:




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