Donnerstag, 15. Juni 2017

Effektiver Altruismus Bayreuth - Darius Meißner


Bereits seit langem ist dem Philosophy & Economics -Student Darius Meißner klar, dass er dazu beitragen möchte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Seit er auf den Effektiven Altruismus gestoßen ist, hat er auch eine konkrete Vorstellung davon, wie er dieses Ziel tatsächlich erreichen kann. Darius Meißner leitet aktuell die Hochschulgruppe Effektiver Altruismus Bayreuth und hat wie viele andere auch ein Spendenversprechen abgelegt und öffentlich erklärt mindestens 10% seines zukünftigen Einkommens an effektive Hilfsorganisationen zu spenden. 
 



Kannst Du mit wenigen Worten zusammenfassen was man sich unter dem Stichwort „Effektiver Altruismus (EA)“ vorstellen kann?
Es gibt viele schlimme Probleme auf der Welt (z.B. globale Armut, Massentierhaltung, Klimawandel) und wir können mit unseren begrenzten Ressourcen – insbesondere Zeit, Geld und unseren Fähigkeiten – leider nicht alle auf einmal lösen. Wir sind also dazu gezwungen zu priorisieren und eine Entscheidung zu treffen, welche Probleme wir als erstes angehen wollen. 

Hier setzt der Effektive Altruismus (EA) an: Dabei handelt es sich um eine Philosophie und globale Bewegung, die Herz und Verstand miteinander verbindet: Es geht um Mitgefühl, das sich von Daten, Argumenten und Vernunft leiten lässt. Der EA nutzt wissenschaftliche Erkenntnisse und kritisches Denken, um die Welt so effektiv wie möglich für alle lebenswerter zu gestalten. Konkret beschäftigt sich der EA insbesondere mit unseren Spenden-, Konsum-, und Karriereentscheidungen, die wir als Hebel einsetzen können, um global vielen anderen zu helfen.

Wodurch zeichnet sich der EA aus?
Als effektive Altruistinnen und Altruisten teilen wir das Ziel nicht ‚bloß‘ einen Unterschied machen zu wollen, sondern den größtmöglichen Unterschied für andere empfindungsfähige Individuen. Wären wir selbst unter den Betroffenen von extremer Armut, von Massentierhaltung oder globalen Katastrophenrisiken in der Zukunft, würden wir uns auch wünschen, dass andere ihre privilegierte Position nutzen, um möglichst vielen Individuen zu helfen. Leid wird nicht weniger schlimm, wenn es sich geographisch woanders abspielt oder in der Zukunft liegt. 

Wodurch zeichnet sich die „Effektivität“ aus?
Wir wollen unseren Altruismus effektiv gestalten: 
Gerade wenn es um Fragen von Leben oder Tod geht, sollten wir Entscheidungen nicht einfach nach unserem Bauchgefühl oder gar zufällig treffen, sondern möglichst strategisch und rational vorgehen. In der Praxis vergleicht der Effektive Altruismus viele Probleme, Projekte und Hilfsmaßnahmen, um festzustellen, wo wir durch Einsatz unserer begrenzten Ressourcen am effektivsten unnötiges Leid verhindern bzw. Leben retten können. 

Beispielsweise analysiert die Organisation GiveWell die Kosteneffektivität von Hilfsorganisationen und empfiehlt die besten davon. GiveWell schätzt, dass die kosteneffektivsten Organisationen mehr als einhundert Mal mehr Menschenleben mit einer Spende retten, als der Durchschnitt der anderen Organisationen. Mit dem gleichen Geld lässt sich zudem in den ärmsten Ländern der Welt viel mehr bewirken, als in reichen Ländern wie Deutschland. Die aktuelle Top-Spendenempfehlung GiveWells, die Against Malaria Foundation verteilt insektizid-behandelte Bettnetze zur Malariaprävention und rettet geschätzt für wenige tausend Euro statistisch ein Menschenleben.

Was unterscheidet den EA vom herkömmlichen „RTL-Spendenaufruf“?
Herkömmliche Spendenaufrufe appellieren häufig allein an unsere Emotionen.Sie können aber selten Nachweise dafür erbringen, dass die geförderten Projekte wirklich wirksam sind. Außerdem wird dabei oftmals nicht für die wichtigsten globalen Probleme gesammelt und es wird vergleichsweise privilegierten Gruppen in relativ wohlhabenden Ländern geholfen (z.B. Schulkindern in Deutschland). 

Schließlich sind viele der Aufrufe der kurzfristigen Lösung einer in den Medien stark repräsentierten Thematik gewidmet, wie beispielsweise einem Erdbeben oder einem Tsunami. Stark vernachlässigt werden dabei leider permanente Katastrophen, wie die extreme Armut – jeden einzelnen Tag sterben weltweit noch immer 16.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen leicht vermeidbarer Krankheiten.

Der Effektive Altruismus empfiehlt hingegen nur Projekte, die belegen können, dass sie effektiv Leid verhindern oder im Erwartungswert außergewöhnlich viel Gutes bewirken.  Diese Projekte sind in den Medien meist unterrepräsentiert und arbeiten an vernachlässigten Problemen, was sie zu den besseren Spendenzielen macht. 
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In diesem Video fasst mein Kommilitone Jonathan Michel den Effektiven Altruismus wunderbar zusammen: 

 
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Stellt der EA eine Gegenbewegung zum Zeitgeist des „Ich, alles, jetzt“ dar?
Der Effektive Altruismus grenzt sich in der Tat, durch die starke Sorge um das Wohlergehen anderer, von diesem verbreiteten Egoismus ab. Zugleich fordert der EA keine Selbstaufopferung oder Askese: Altruismus muss auf lange Sicht praktisch lebbar sein und sich mit anderen Lebenszielen vertragen. Tatsächlich bin ich sogar davon überzeugt, dass (effektiv-)altruistisches Engagement einen der besten Wege darstellt, um dem eigenen Leben mehr Sinn zu geben und die eigene Lebenszufriedenheit zu erhöhen. Studien zufolge macht es einen selbst glücklicher Geld für andere Individuen zu spenden und sich für ihr Wohl zu engagieren.

Insbesondere als Einwohner eines Lands wie Deutschland sind wir Teil der reichsten Generation, die jemals auf der Erde gelebt hat! Und das nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch in Bezug auf Chancen, Bildung, Gesundheitsversorgung etc. 

Mit dem durchschnittlichen Einstiegsgehalt eines Hochschulabsolventen in Deutschland gehört man bereits zu dem reichsten 1Prozent der Weltbevölkerung. Die Glücksforschung hat gezeigt, dass Geld und Konsum stark abnehmenden Grenznutzen aufweisen; je mehr Geld man hat, desto weniger bringt einem Zusätzliches. In den ärmsten Ländern hingegen sind viele menschliche Grundbedürfnisse nicht ausreichend gedeckt, was vergleichsweise sehr günstig zu bewerkstelligen ist und die Lebenszufriedenheit der Betroffenen massiv erhöht. 

Sind uns unsere eigenen (häufig) trivialen Konsumbedürfnisse wirklich mehrere hundert Male wichtiger als die essentiellen Lebensinteressen von Menschen in anderen Ländern?

Sind wir Menschen überhaupt altruistisch veranlagt, oder sind wir doch eher "Homo Ökonomikus"?
Beides. Die evolutionäre Umgebung hat Menschen in ihrer Entwicklung auf das Zusammenleben in Gruppen von einigen Dutzend bis wenigen hundert Individuen ausgelegt. Unsere moralischen Intuitionen und sozialen Emotionen wie Wut, Scham, Mitgefühl und Dankbarkeit, haben sich entwickelt, um die Kooperation in diesen Gruppen zu ermöglichen. In dieser Hinsicht sind wir als Menschen daher evolutionär altruistisch veranlagt und keine reinen Einzelkämpfer. 

Die meisten moralischen Probleme der modernen Gesellschaft beruhen allerdings nicht auf Konflikten innerhalb sozialer Gruppen, sondern zwischen verschiedenen Gruppen. Das Zusammenleben in einer globalisierten Weltgesellschaft unterscheidet sich daher fundamental von dem unserer evolutionären Umgebung. 

Wir sind schlicht nicht darauf ausgelegt mit sieben Milliarden Menschen angemessen Empathie empfinden zu können, geschweige denn mit anderen Tieren und zukünftigen Generationen. Der wichtigste altruistische Faktor im menschlichen Verhalten ist unsere Fähigkeit rational zu entscheiden und zu reflektieren. Auch wenn wir nicht mit allen anderen Individuen auf der Welt intuitiv mitfühlen können, sind wir in der Lage uns rational in ihre Position zu versetzen. Wir können verstehen, dass ihre Bedürfnisse und Interessen nicht weniger wichtig sind als unsere eigenen, nur weil sie andere Glaubensvorstellungen vertreten, einem anderen Geschlecht zugehören, eine andere Nationalität haben oder Teil einer anderen Spezies sind. 

Es gibt keine moralische Rechtfertigung dafür das Leid anderer vollständig zu ignorieren und es ist unsere Rationalität, die uns erlaubt globalen Altruismus in unserem Verhalten zu berücksichtigen.

Gehört zum Spenden nicht auch gerade die persönliche emotionale Nähe? Wird der Altruismus durch diese „Effektivität“ nicht auch ein stückweit steril und kalt?
Die Orientierung an der Effektivität des EA entspringt der mitfühlenden Absicht möglichst viel Leid zu verhindern. In dieser Hinsicht ist der Effektive Altruismus „warm berechnend“ und sieht auch keinen grundlegenden Konflikt zwischen Emotionen und Vernunft. 

Ohne eine emotionale Motivation könnte niemand von uns überhaupt altruistisch aktiv sein. Doch Emotionen sind oft willkürlich, häufig fehlgeleitet und bieten daher alleine keine gute Basis für den Altruismus. 

Um unseren altruistischen Zielen gerecht zu werden benötigen wir letztlich rationale, vernünftige Überlegungen, die von dem emotionalen Wunsch angetrieben sind möglichst vielen anderen Individuen umfassend zu helfen. Aus meiner Sicht kann man vielen Formen klassischen sozialen Engagements vorwerfen, dass davon vor allem die Engagierten selbst durch ein gutes Gefühl profitieren. Doch wenn man sie danach fragen würde, was sie eigentlich antreibt, dann ist es gerade der Wunsch anderen zu helfen. 

Der Effektive Altruismus zeigt Möglichkeiten des Engagements auf, die uns erlauben tatsächlich anderen Individuen möglichst umfassend zu helfen – wobei wir uns natürlich auch noch selbst gut fühlen dürfen.
 


Wie bist Du eigentlich zum EA gekommen?
Schon bevor ich das erste Mal durch einen Vortrag der Stiftung für Effektiven Altruismus vom EA hörte, habe ich mich mehrere Jahre mit Themen wie Tierethik, wissenschaftlichem Denken und globalen ökonomischen Ungerechtigkeiten beschäftigt. Bei mir sind die Prinzipien des EA daher auf fruchtbaren Boden gefallen und obwohl mich nicht von Beginn an alles überzeugt hat, habe ich schnell festgestellt, dass die EA Befürworter starke, evidenzbasierte Argumente für ihre Positionen hervorbringen. Und das hat mich letztlich überzeugt.

Wie kann man EA werden? Was sind die ersten Schritte?
Aus meiner Sicht ist es am wichtigsten sich zunächst weiter zu informieren.

  • Hierfür gibt es viele gute Vorträge, Artikel undeinige Bücher, die in die Grundlagen des EA einführen.
  • Das Einfachste ist, einen Teil des verfügbaren Einkommens effektiv zu spenden, etwa an die von GiveWell empfohlenen Organisationen.
  • Wer als Teil der reichsten Menschen auf dem Planeten bereit ist, etwas mehr zu geben und Mitglied einer internationalen Gemeinschaft von „Weltverbesserern“ zu werden, kann das Spendenversprechen von Giving WhatWe Can ablegen. 
  • Wichtig ist auch die Prinzipien des Effektiven Altruismus weiter zu verbreiten, zu verbessern und zu diskutieren. Wer eine Person davon überzeugt, das Spendenversprechen abzulegen, hat schon ebenso viel bewirkt, wie es selbst zu tun.
  • Die eigene Berufswahl gehört zu den wichtigsten ethischen Entscheidungen des ganzen Lebens, da wir alle ca. 80,000 Stunden unseres Lebens mit beruflicher Arbeit verbringen – und einige Organisationendes EA bieten Empfehlungen, wie man mit dieser Entscheidung möglichst viel Gutes tun kann. 
  • Schließlich gibt es in Deutschland und auch international viele Lokalgruppen für Effektiven Altruismus, die sich regelmäßig treffen, um zu „lesen, lernen, hinterfragen, erklären und diskutieren“. Es lohnt sich bei den Treffen vorbeizuschauen!




Was ist für Dich der True Spirit?
Im Angesicht all des Leides in der Welt nicht zu verzweifeln oder gleichgültig zu werden, sondern sein Bestes geben, um etwas daran zu verändern.


Vielen Dank für dieses inspirierende Interview, das wie kein anderes unter dem Motto des "True Spirits" steht!

Weiterführende Links findet Ihr hier:
Deutschsprachige Einführungsseite zum EA: https://effektiveraltruismus.de/
Häufig gestellte Fragen zum EA: https://effektiveraltruismus.de/faq/
Effektiv spenden: https://effektiveraltruismus.de/effektiv-spenden/
Ethische Berufswahl: https://effektiveraltruismus.de/berufswahl/
Spendenversprechen: https://www.givingwhatwecan.org/pledge/

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